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Minimalisierung – Negative Tendenzen im Browser-Design

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Internetseiten benötigen viel Platz, vor allem in der Höhe. Da ist es natürlich unpraktisch, wenn die Benutzeroberfläche des Browsers bereits den halben Bildschirm einnimmt. Bildschirme werden immer größer, vor allem aber in der Breite. Gerade bei Notebooks ist die Höhe sehr limitiert. Daher ist es auch ein begrüßenswerter Schritt, die Oberfläche zu minimieren und möglichst viel Raum für das Wesentliche zu schaffen. Nicht aber, wenn man dabei das Wesentliche aus den Augen verliert. So scheint es leider bei den Designern der bekannten Browserschmieden und so bekommt der Endanwender das Produkt eines regelrechten Schlankheitswahns vor die Nase gesetzt. Minimalisierung – Negative Tendenzen im Browser-Design.

Als Basis für diese Kritik halten folgende Browser her: Mozilla Firefox 4.0b7pre (Nightly Build), Google Chrome 7.0.517.8 (dev), Safari 5.0.2, Opera 10.62 und Internet Explorer 9 (Beta), alles unter Windows 7.

Beginnen wir mit Veränderungen am User-Interface, die sinnvoll sind. So nimmt dieses bei wirklich allen Browsern kaum noch Platz in Anspruch. Das ist gut, denn so ist Platz. Unnötige Trennlinien zwischen einzelnen Bereichen gibt es nirgends mehr. Ebenso begrüße ich sehr die Zusammenlegung der Buttons für Go, Reload und Stop. Dies wird ebenso bereits in jedem Browser gehandhabt, mit Ausnahme des Internet Explorer 9. Vertretbar in meinen Augen auch die Entscheidung, das Favicon aus der Adressleiste zu verbannen, denn dieses ist bereits im Tab sichtbar. In Firefox soll diese Änderung sehr bald erfolgen, Chrome macht es bereits. Opera und der Internet Explorer nicht, Safari schlägt hier den umgekehrten Weg ein – Favicon ausschließlich in der Adressleiste für die aktive Seite, keine Favicons in den Tabs. Dies ist in meinen Augen die am wenigsten elegante Lösung. Bei Firefox soll allerdings auch das Favicon aus der Suchleiste entfernt werden, in Safari ist ebenfalls keines vorhanden. Auch hier entdecke ich keinen Sinn. Mozilla argumentiert, dies würde zu viel Aufmerksamkeit des Anwenders auf sich lenken. Interessant.

Machen wir weiter mit Kann man, muss man aber nicht. Ein Trend ist der, die Menüleiste zu verbannen und hinter ein bis zwei Buttons zu stecken, die plötzlich alles beinhalten, was vorher gut strukturiert war. Aus Perspektive des Platzgewinnes eine vertretbare Entscheidung, wenn hierfür der Button in die Titelleiste rutscht, denn sonst beinhaltet dies keinerlei Platzgewinn. Die Buttons finden sich mittlerweile in allen Browsern wieder, zwei von der Sorte bei Safari und im Internet Explorer, lediglich einer in Firefox, Chrome und Opera. Schön: Mit Ausnahme von Chrome erlaubt jeder Browser optional die Anzeige der klassischen Menüleiste. Ob es im Sinne der Benutzerfreundlichkeit ist, klar betitelte und gut strukturierte Menüs für diese neuen Menüs aufzugeben, deren Funktion sich anhand von Grafiken nur schwer interpretieren lässt, darf hinterfragt werden.

Die Statusleiste ist auch so ein Thema. Ich kenn viele, denen ist sie egal, ich kenn viele, die haben sie gar nicht erst aktiviert. Ich bin ein großer Verfechter der Statusleiste. Diese kleine Leiste am Ende der Seite ist für mich obligatorisch. In Opera ist sie da, in Safari optional ebenso, wenn auch nicht als Standard. Mit der Umsetzung von Chrome kann ich gerade noch so leben. Dort erscheint sie dynamisch, wenn man mit der Maus über einen Link fährt. In Firefox 4.0 wird diese quasi ersatzlos gestrichen. Es wird eine Addon Bar kommen, in welcher Erweiterungen ihre Icons ablegen können, aber die klassische Statusbar wird nicht einmal mehr optional angeboten. Es tröstet mich zumindest ein bisschen, dass die neue Lösung für die Anzeige der Ziel-URL in der Adressleiste relativ hübsch gelöst ist, zugegeben, dennoch gehört die Statusleiste für mich zum gesunden Abschluss des Browserfensters. Aber hier werden sich die Geister scheiden.

Und schon sind wir bei den Fehltritten angelangt. Wieso muss man aus der Titelleiste des Browsers den Titel der aktuellen Seite wegnehmen? Diese Leiste nennt sich doch nicht ohne Grund Titelleiste. Bei Mozilla hält man dies für richtig – dort wäre der Platz aber vorhanden, stattdessen ist hier Leere. Gleiches Spiel beim Internet Explorer. Bei Chrome und Opera kommt dies nicht in Frage, weil die Tabs direkt in die Titelleiste gewandert sind. Hier macht es einzig Safari richtig, der Titel der Seite bleibt weiter vorhanden. Lustig wird es, wenn man nach Antworten sucht. Dort wird gerne argumentiert, dass der Titel bereits in den Tabs steht. Soweit richtig, aber bitte meine Herren. Wie breit ist denn ein einzelner Tab? Da passt doch nichts rein! Bleiben wir bei den Tabs, hier setzt Microsoft dem Ganzen die Krone auf – die Tabs werden im Internet Explorer 9 neben der Adressleiste platziert. Eine Idee, die ich keinem halbwegs vernünftig denkendem Menschen zugetraut hätte. Microsoft rechtfertigt diese Entscheidung, die zwei seperaten Bereiche für Adressleiste und Tabs habe die Nutzer zu stark verwirrt. Das Schlimme: Wir haben nicht April, es war nicht lustig gemeint. Es sieht nicht nur sehr bescheiden aus, es ist auch in höchstem Grad unpraktisch. Zum einen will ich möglichst viel aus der Adresse in der Adressleiste sehen, zum anderen gibt es so kaum Raum für Tabs. Und das ist alles andere als lobenswert.

Chrome hat es vorgemacht, der Internet Exlorer macht es nach – die Zusammenlegung von Adress- und Suchleiste. Ja, ich habe nie das Suchfeld benutzt und habe es nicht vor, daher sollte es mir fast schon egal sein, ist es aber nicht. Hier werden zwei Dinge zu einem vereint, welche meiner Meinung nach strikt getrennt bleiben sollten. Nach Meinung von Microsoft habe der Anwender so das gefühl, alle Funktionen des Browsers im Griff zu haben. Ganz ehrlich? Ich bin ein Anwender, ich finde es mehr verwirrend als praktisch. Wenn ich in der Adressleiste etwas eingebe, möchte ich Chronik und Lesezeichen durchsuchen, aber nicht die Suchmaschine meines Vertrauens. Das gehört für mich einfach nicht zusammen.

Schön war es auch immer zu sehen, ob eine Internetseite einen Newsfeed anbietet. Dafür gab es dieses praktische Icon direkt in der Adressleiste. Verschwunden in Chrome, Firefox und im Internet Explorer. Nun muss ich mich also durch Menüs schlagen, um an eine Grundfunktionalität heranzukommen. Bietet eine Internetseite eine eigene Suche an, wurde dies zumindest in Firefox und im Internet Explorer immer schön gekennzeichnet. Auch dies gehört der Vergangenheit an. Genauso wie der kleine Pfeil bei den Vor- und Zurückbuttons in Firefox bald der Vergangenheit angehören wird, um alle Seiten von davor und danach im Überblick zu haben. Ein Feature, welches ich sehr intensiv nutze und bald verschwunden sein wird. Das Schlimme: Hier wird Mozilla sogar der letzte sein, denn alle anderen haben diesen Unsinn bereits umgesetzt.

Was bleibt als Fazit zu sagen? Es ist gut gemeint. Aber.

Firefox

Chrome

Safari

Opera

Internet Explorer

Dieser Artikel wurde von Sören Hentzschel verfasst.

Sören Hentzschel ist Webentwickler und Mozilla Repräsentant (Alumnus). Neben diesem Mozilla-Blog betreibt er unter anderem noch firefoxosdevices.org sowie das Fußball-Portal Soccer-Zone und ist außerdem Administrator des deutschsprachigen Firefox Hilfeforums Camp Firefox.

4 Kommentare - bis jetzt!

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  1. schrieb am :

    Für dein RSS-Problem gibt es zumindest für Chrome ein AddOn: RSS Subscription Extension.

    Ansonsten halte ich den Weg, den die Browser-Hersteller gehen, für richtig. Google hat den Trend damals mit dem Release von Chrome gesetzt und es war einer der Gründe für mich, ziemlich schnell vom Fettfuchs zu Chrome zu wechseln. Das einzige, wo FF weiterhin die Nase vorne hat, ist bei der Chronik-Suche durch Stichwort-Eingabe in der Adressleiste.

    Ich verstehe nicht, was du gegen die Zusammenlegung von Adress- und Suchleiste hast. Chronik und Lesezeichen durchsuchst du ja sofort mit der Eingabe in das Feld, während die Suchmaschine erst bei Return befragt wird. Da trifft deine „Muss getrennt werden“-Kritik also nicht wirklich zu.

  2. schrieb am :

    Klar, Addons gibt es auch für Firefox in Hülle und Fülle. Allerdings bin ich der Meinung, dass der Auslieferungszustand massentauglich sein muss und da gehört das nun einmal dazu. Es gibt absolut keinen Grund, diesen Indikator zu entfernen. Dass man für Suchanfragen erst Return drücken muss, ist zwar richtig, ändert aber nichts daran, dass es keinen logischen Zusammenhang zwischen beiden Feldern gibt. Die Adressleiste ist keine Suchleiste. Im Internet Explorer 9 wird man sogar in der Adressleiste mit zahlreichen Suchmaschinen-Icons belästigt!

  3. schrieb am :

    Bis auf die Suchleistengeschichte (nutze Seamonkey vormals Mozilla Suite und da ist das schon immer und gut so) kann ich hier nur zustimmen.
    Eine nicht vorhandene Titelleiste, wo ich stattdessen mein tolles Desktopbild sehen kann ist Murx.
    Bei den Menüs, da ist auf jeden Fall was zu verbessern, so wie sich das liest, wird da allerdings nicht an der Struktur gefeilt oder redundanter Krempel entsorgt, sondern schön den ganzen aufgeblähten Kram in schlecht zugängliche Klappmenüs geworfen.

    Was hier nicht besprochen und bei der Browserentwicklung scheinbar nicht bedacht wurde, ist der Fakt, dass (afaik) jeder Browser via F11 in den Kiosk-mode geschalten werden kann. Da sind sie dann tatsächlich weg all die ach so „störenden“ Elemente.
    Des weiteren kann man (zumindest in FF bisher sehr einfach) Navigationsleisten nach Gutdünken anpassen und verschieben wie man lustig ist. (Zumindest weitgehend)

    Hier wäre zu wünschen, dass die Browserhersteller an der Anpassbarkeit der Browser arbeiten, statt jeden Gedankenblitz umzusetzen.

  4. Hans-Jörg Hartmann
    schrieb am :

    Danke für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht.
    Gerade das Problem der Titelleiste nervt wirklich: wie oft hat man verschiedene Unterseiten der gleichen Website geöffnet, die man dann nicht mehr auseinanderhalten kann, wenn alle Seitentitel gleich anfangen? Für Webentwickler eine komplette Umstellung: der individuelle Teil des Titels muss nach vorne.
    Die Kombi von Adress- und Suchfeld gefällt mir allerdings ganz gut, vielleicht sollte das Problem mit dem Verlauf so gelöst werden, dass hier die Funktionen von Firefox und Chrome kombiniert werden, also Verlauf und Suchvorschläge in einem Fenster.

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